LIBORI

LIBORI

 

Die Stadt in der ich lebe, blickt auf eine sehr alte Geschichte zurück. Im Jahre 836 wurden die Reliquien des Hl. Liborius von Le Mans in die Bischofsstadt Paderborn gebracht. Heute wie damals dreht sich einmal im Jahr alles in Paderborn um eines der mittlerweile größten und ältesten Kirchen- und Volksfeste Deutschlands. Libori!

Sabrina Schepers hatte mich vor ein paar Wochen darauf angesprochen, ob ich nicht mal etwas für Libori entwickeln könnte. Einen Text oder einen Spruch, etwas das Libori für mich beschreibt. Da sich in den letzten Wochen einiges in meinem Leben verändert hat, hatte ich anfangs keinen Kopf dafür. Doch dann tauchten die ersten Bilder und Ideen auf und Schritt für Schritt kam ich „meinem“ Libori näher.

Künstlerisch versuche ich immer möglichst viel Tiefe in meinen Arbeiten zu erzeugen und das benötigt viel Zeit. Es gibt eine Oberfläche, eine klare Struktur und dann erzeugen die einzelnen Zeichen Interpretationsmuster und lösen unterschiedliche Empfindungen aus.

Zu Libori ist mir auf Grund seiner langen Geschichte eingefallen, dass es einfach läuft und zwar seit genau 1184 Jahren. Seit dem Jahr 836 werden die Reliquien des heiligen Mannes durch Paderborn getragen. Rituale sind für uns Menschen essentiell. Wie man heute weiß, wurden schon vor mehr als 40.000 Jahren Rituale abgehalten, also regelgeleitete feierlich-festliche Handlungen mit hohem Symbolgehalt. Rituale verbinden uns Menschen und stabilisieren unser Leben. Auf vielerlei Ebenen.

Wir leben jedoch in einer Zeit, in der Rituale zunehmend verschwinden. So leeren sich die Kirchen immer mehr und mit Ausnahme der christlichen Festtage sieht man nur vereinzelt Menschen, die länger in den Gotteshäusern verweilen. Selbst das Glockengeläut, das früher die Gemeinde in die Kirche zusammengerufen hat, wird heute von vielen oft nur mehr als störender Lärm empfunden.

Das Verschwinden der Rituale mag viele Ursachen haben. Der Philosoph Byun-Chul Han meint, dass es auch in Zusammenhang mit der Digitalisierung steht. „Maschinen“ fehlt im Gegensatz zu uns Menschen die Fähigkeit innenzuhalten. Zu verweilen. Ständig nehmen Bilder (auch meines hier) unsere Aufmerksam in Beschlag und ihr rascher Wechsel lässt kein Verweilen zu. Es entsteht ein Gefühl des Getrieben Seins und unsere „Wurzeln“ finden möglicherweise nirgendwo mehr einen Halt.

Für Han ist das Ritual das „Haus des Menschen“. Rituale wiederholen sich und Wiederholungen holen sich etwas zurück oder wieder. Nämlich das, was man schon kennt. Das Ritual ist laut Han die Form des sich Auskennens und Rituale helfen dem Menschen, sich in der Welt zurecht zu finden. Sie bringen Gemeinschaften ohne Kommunikation hervor, was im Gegensatz zur Kommunikation ohne Gemeinschaft steht, wie sie heute die Welt prägt.

In meiner Interpretation wird Libori von den drei Kreuzen getragen. Kreuze symbolisieren im Christentum die Dreifaltigkeit und stehen für die drei christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung.

Trotz Pandemie läuft Libori weiter, wenn auch dieses Jahr eingeschränkt und teilweise verlagert auf digitale Formate. Es hat den Anschein, dass sich Libori nicht aufhalten läßt. Es läuft + läuft + läuft + läuft…